Was ist Spiritual Bypassing?

Veröffentlicht am 10. Dezember 2025

Teile diesen Beitrag:

Ein Weg, der sich in zwei Richtungen teilt.

Der Begriff stammt vom Psychologen John Welwood, der in den 1980er-Jahren beobachtete, dass spirituelle Praktiken manchmal dazu genutzt werden, psychische Verletzungen zu umgehen, statt sie zu heilen.

Spiritual Bypassing bedeutet:

  • Spiritualität wird zur Flucht vor Schmerz, Wut, Trauer oder Verantwortung.
  • Statt Gefühle zuzulassen, werden sie „wegmeditiert“, „weggeliebt“ oder mit positiven Affirmationen übertüncht.

Beispiele:

  • „Alles passiert aus einem Grund“ – auch wenn jemand Leid erfährt.
  • „Ich vergebe einfach, dann ist alles gut“ – ohne den Schmerz wirklich zu fühlen.
  • „Ich bin nur noch Liebe“ – aber unterdrücke meine Wut und Grenzen.

Kurz gesagt: Das Ego zieht sich spirituelle Kleider an, um nicht hinsehen zu müssen.

Overhealing – die neue Schattenseite der Selbstoptimierung

Während Spiritual Bypassing aus der spirituellen Szene stammt, beschreibt Overhealing ein ähnliches Phänomen in der modernen Psychowelt.
Overhealing bedeutet, dass jemand so sehr auf Heilung, Selbstreflexion und „Traumabewältigung“ fokussiert ist, dass daraus eine neue Form des Drucks entsteht.

Statt im Hier und Jetzt zu leben, wird Heilung zum Lebensprojekt:

  • Ständiges Analysieren, warum man sich so fühlt.
  • Immer neue Kurse, Retreats und Coachings, um „ganz“ zu werden.
  • Die Angst, „noch nicht genug geheilt“ zu sein.

So wird Heilung paradoxerweise zur Vermeidung von Leben.

Wenn Heilung zur Identität wird

Sowohl beim Spiritual Bypassing als auch beim Overhealing geht es um eine Verschiebung der Balance.
Beide entstehen oft aus einem ehrlichen Wunsch nach Wachstum – doch irgendwann wird Heilung zur Selbstinszenierung oder Flucht.

Beispiele aus der Praxis:

  • Jemand spricht nur noch in „spirituellen“ Phrasen, vermeidet Konflikte und nennt das „Gelassenheit“.
  • Eine Person sucht ständig neue „Trigger“, um sich zu „heilen“, statt einfach zu leben.
  • Emotionale Nähe wird vermieden, weil man „noch nicht bereit“ ist.

Hinter all dem steckt meist dieselbe Angst: die Angst, unvollkommen zu sein.

Heilung heißt nicht Perfektion – sondern Echtheit

Echte Heilung ist nicht glänzend, sondern ehrlich.
Sie bedeutet, auch mit Schmerz, Wut, Scham oder Trauer zu sitzen, ohne sie sofort zu transformieren.
Sie bedeutet, sich selbst in allen Facetten zu sehen – nicht nur im Licht, sondern auch im Schatten.

Spirituelle oder psychologische Wege können wundervoll sein, solange sie nicht als Schutzschild gegen das Leben dienen.

Fazit: Heilung braucht Tiefe, nicht Glanz

Heilung ist kein Ziel, sondern ein Prozess – manchmal leuchtend, manchmal dunkel, immer menschlich. Spiritual Bypassing und Overhealing erinnern uns daran, dass wir nicht „perfekt geheilt“ sein müssen, um echt zu sein.

Manchmal ist wahre Heilung nicht das Streben nach Licht, sondern das Annehmen der Dunkelheit. Nicht das ewige „Höher, weiter, reiner“, sondern das leise:

Ich darf fühlen. Ich darf unvollkommen sein. Ich darf einfach ich sein.

Katherine Surtees - aus Krisen wachsen

Katherine Surtees

Katherine Surtees ist Expertin für mentale Gesundheit, Sporttherapie und integrative Psychotherapie. Mit einem Hintergrund in der Notfallmedizin und eigenen Erfahrungen mit gesundheitlichen Rückschlägen begleitet sie heute Jugendliche und junge Erwachsene.