Warum die Verantwortungsbereitschaft bei jüngeren Generationen sinkt – Ein Blick auf Ursachen und Chancen

Veröffentlicht am 18. Februar 2026

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„Die Jugend von heute hat keinen Sinn für Verantwortung mehr.“ Solche Aussagen hört man immer wieder – von Eltern, Lehrkräften oder älteren Generationen. Doch ist das wirklich so? Oder verändert sich Verantwortung nur in Form, Ausdruck und Wahrnehmung?

Tatsächlich zeigen Studien und Beobachtungen, dass jüngere Generationen oft weniger klassische Verantwortungsrollen übernehmen – etwa im Haushalt, bei der Arbeit oder im Ehrenamt. Die Gründe sind komplex und liegen nicht an mangelnder Moral, sondern an gesellschaftlichen, psychologischen und technologischen Faktoren.

1. Digitale Ablenkung und Reizüberflutung

Wir leben in einer Welt voller Reize: Smartphones, Social Media, Streaming-Dienste, Spiele.

  • Jugendliche jonglieren permanent zwischen Chats, Nachrichten und Unterhaltungsangeboten.
  • Dauerhafte Ablenkung erschwert Selbstreflexion, Konzentration und langfristiges Planen – Fähigkeiten, die für Verantwortungsübernahme zentral sind.

Wenn das Gehirn ständig zwischen Reizen springt, wird verantwortliches Handeln oft verschoben oder vergessen.

2. Sicherheit vs. Selbstverantwortung

Eltern und Schulen schützen Jugendliche heute stärker vor Fehlern und Risiken – teilweise gut gemeint.

  • Viele Entscheidungen werden abgenommen: von der Freizeitgestaltung bis zu schulischen Konsequenzen.
  • Eigenverantwortung wird so weniger eingeübt.

Die Folge: Junge Menschen haben weniger Gelegenheit, Verantwortung zu erfahren und zu lernen, dass Fehltritte Teil des Wachstums sind.

3. Psychologische Faktoren

Zunehmender Leistungsdruck, Zukunftsängste und gesellschaftliche Unsicherheiten können Verantwortung lähmen.

  • Wer ständig unter Druck steht, entwickelt Vermeidungsstrategien, um Stress zu reduzieren.
  • Verantwortung wird dann oft als zusätzlicher Stress empfunden, statt als Chance zur Selbstwirksamkeit.

Zudem fördern frühe Fixierung auf Erfolg und Belohnung (Noten, Likes, Anerkennung) ein Kurzzeitdenken, statt langfristiger Verantwortungsübernahme.

4. Wandel der Werte und Rollenbilder

Verantwortung wird heute anders erlebt:

  • Klassische Rollenbilder (Familie, Beruf, Ehrenamt) haben an Bedeutung verloren.
  • Junge Menschen übernehmen Verantwortung eher in flexiblen, kreativen Kontexten: Projekte, Communitys, Umweltengagement oder digitale Initiativen.

Die Verantwortungsbereitschaft sinkt also nicht unbedingt – sie verschiebt sich in neue Formen, die ältere Generationen oft nicht wahrnehmen.

5. Chancen und Lösungsansätze

Die gute Nachricht: Verantwortung kann geübt werden, wenn man Rahmenbedingungen schafft, die Jugendliche ermutigen statt überfordern:

  • Verantwortung schrittweise übertragen: kleine Aufgaben, die real Konsequenzen haben
  • Fehler erlauben: Scheitern als Lernchance begreifen
  • Sinn stiften: Verantwortung wird eher übernommen, wenn sie relevant und bedeutsam ist
  • Reflexion fördern: Nachbesprechungen, Gespräche über Gefühle, Motivation und Konsequenzen

So lernen Jugendliche, Verantwortung nicht als Pflicht, sondern als Möglichkeit zur Selbstgestaltung zu sehen.

Fazit: Verantwortung wandelt sich – und wir müssen sie begleiten

Die Verantwortungsbereitschaft bei jungen Menschen sinkt nicht aus Desinteresse, sondern weil die Welt komplexer, schneller und überfordernder geworden ist.
Wer heute Verantwortung lernen soll, braucht Schutzräume, sinnvolle Aufgaben und die Chance, aus Fehlern zu lernen.

Verantwortung ist kein Relikt der Vergangenheit – sie ist ein Skill für die Zukunft.
Und junge Menschen übernehmen sie – nur manchmal anders, als wir es gewohnt sind.

Katherine Surtees - aus Krisen wachsen

Katherine Surtees

Katherine Surtees ist Expertin für mentale Gesundheit, Sporttherapie und integrative Psychotherapie. Mit einem Hintergrund in der Notfallmedizin und eigenen Erfahrungen mit gesundheitlichen Rückschlägen begleitet sie heute Jugendliche und junge Erwachsene.