In einer Welt, in der das Handy fast nie mehr aus der Hand gelegt wird, ist „Mediensucht“ längst kein Randthema mehr. Viele Menschen – besonders Jugendliche – verbringen täglich Stunden in sozialen Medien, beim Zocken oder Streaming. Doch hinter dieser Dauerbeschäftigung steckt oft mehr als Langeweile oder Gewohnheit.
Medienkonsum kann zur Bewältigungsstrategie werden – besonders bei emotionaler Instabilität.
Wenn Medien zum Rückzugsort werden
Menschen mit einer emotional instabilen Persönlichkeit (z. B. bei Borderline-Strukturen) erleben ihre Gefühle oft intensiver, schneller und unberechenbarer als andere. Das führt zu innerem Stress, Spannungszuständen und dem Bedürfnis, diese Gefühle irgendwie zu regulieren.
Und genau hier bieten Medien scheinbar die perfekte Lösung:
- Ein kurzer Griff zum Handy – und Ablenkung ist da.
- Ein Video, das tröstet oder unterhält.
- Eine virtuelle Welt, in der man Kontrolle hat, während im Inneren Chaos herrscht.
Doch was als kurzfristige Entlastung beginnt, kann schnell zu einem unbewussten Fluchtmechanismus werden.
Emotionale Instabilität – ein innerer Sturm
Menschen mit emotionaler Instabilität spüren Gefühle oft extrem:
Freude kann sich binnen Minuten in Angst oder Wut verwandeln.
Das Nervensystem ist ständig „auf Sendung“, die innere Welt selten ruhig.
Dieser Zustand ist nicht „Drama“, sondern eine echte neurobiologische Überforderung.
Das Gehirn sucht nach Wegen, sich zu beruhigen – und findet sie oft dort, wo es schnell funktioniert: im Dopaminkick des nächsten Reels, der nächsten Nachricht, des nächsten Spiels.
Medien wirken dann wie eine Art Selbstmedikation:
- Sie lenken ab von Schmerz.
- Sie dämpfen Leere.
- Sie erzeugen scheinbare Verbundenheit, wo reale Nähe Angst macht.
Die Sucht nach Regulation
Das Schwierige: Der Medienkonsum funktioniert – kurzfristig.
Er senkt Spannung, beruhigt und vermittelt Kontrolle.
Doch langfristig verstärkt er genau das, was Betroffene vermeiden wollen:
- Gefühle bleiben unbearbeitet.
- Reizüberflutung erhöht die emotionale Instabilität.
- Die Fähigkeit zur echten Selbstregulation verkümmert.
Es entsteht ein Kreislauf:
Überforderung → Medienkonsum → kurzfristige Entlastung → Schuldgefühle / Leere → erneute Überforderung.
So wird das Handy vom Hilfsmittel zum emotionalen Überlebenssystem.
Was Betroffene wirklich brauchen
Der Weg aus dieser Spirale führt nicht über Verbote oder Abstinenz – sondern über Verstehen und Regulation. Denn Medienabhängigkeit ist selten das eigentliche Problem, sondern ein Symptom eines überlasteten inneren Systems.
Hilfreiche therapeutische Ansätze sind z. B.:
- DBT (Dialektisch-Behaviorale Therapie), um Gefühle zu erkennen und zu regulieren.
- Achtsamkeitsübungen, um den Moment wahrzunehmen statt ihm zu entfliehen.
- Körperarbeit, um Spannung abzubauen und wieder ins Spüren zu kommen.
- Soziale Unterstützung, um echte, sichere Beziehungen aufzubauen.
Das Ziel ist nicht, Medien zu meiden, sondern sich selbst wieder zu spüren – ohne Bildschirm dazwischen.
Kleine Schritte in Richtung Balance
- Bewusst Pausen einlegen: Wann greife ich automatisch zum Handy?
- Gefühle benennen: Was wollte ich vermeiden, bevor ich gescrollt habe?
- Körperliche Regulation: Atmen, bewegen, dehnen statt nur konsumieren.
- Realität erleben: Echte Gespräche, Natur, Sinneseindrücke – das, was das Nervensystem wirklich nährt.
Fazit: Medien als Spiegel innerer Unruhe
Mediensucht und emotionale Instabilität sind keine Gegensätze – sie sind oft zwei Seiten derselben Medaille. Wo das Innen zu laut ist, wird das Außen zur Flucht. Doch Heilung beginnt dort, wo wir lernen, das auszuhalten, was wir fühlen – statt es zu überblenden.
Der Bildschirm kann trösten, aber nicht halten. Echte Regulation entsteht erst, wenn wir wieder in Kontakt mit uns selbst kommen – offline, atmend, lebendig.

