Dyskalkulie und Motorik – warum Rechnen mehr ist als Zahlen im Kopf

Veröffentlicht am 25. Januar 2026

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Zahlen begegnen Kindern überall. Beim Zählen, Vergleichen, Abschätzen oder Rechnen. Für manche Kinder fühlt sich das selbstverständlich an, für andere verwirrend, anstrengend oder frustrierend. Wenn Rechnen dauerhaft schwerfällt, obwohl sich ein Kind bemüht, geraten schnell Zweifel in den Vordergrund – bei Erwachsenen wie bei den Kindern selbst.

Was dabei oft übersehen wird: Rechnen ist kein rein kognitiver Vorgang. Es basiert auf Körpererfahrungen, Bewegung, Wahrnehmung und innerer Orientierung. Motorik spielt dabei eine größere Rolle, als viele denken.

Warum Rechnen ohne Körper kaum möglich ist

Bevor Kinder Zahlen verstehen, erleben sie Mengen mit ihrem Körper. Sie greifen, vergleichen, stapeln, gehen Schritte, spüren Abstände und Rhythmen. Diese frühen Erfahrungen bilden die Grundlage für mathematisches Denken.

Kinder mit Rechenschwierigkeiten haben oft Unsicherheiten in genau diesen Bereichen. Nicht, weil sie „nicht logisch denken können“, sondern weil grundlegende Erfahrungen noch nicht ausreichend verankert sind. Motorik hilft, diese Grundlagen nachzuholen und zu festigen.

Bewegung macht Zahlen begreifbar. Sie schafft Verbindung zwischen Innen und Außen, zwischen Vorstellung und Realität.

Warum Realität der wichtigste Kompass ist

Motorische Förderung ist kein schneller Weg zu sicheren Rechenergebnissen. Sie ersetzt keinen Unterricht und keine gezielte Förderung. Aber sie kann eine wichtige Brücke sein.

Realistisch betrachtet bedeutet das:

  • Fortschritte zeigen sich oft indirekt
  • Veränderungen brauchen Zeit
  • motorische Arbeit wirkt vorbereitend, nicht ersetzend

Motorik zielt nicht darauf ab, Rechnen „richtig zu machen“, sondern darauf, Verstehen zu ermöglichen.

Typische Erfahrungen von Kindern mit Rechenschwierigkeiten

Viele Kinder erleben Mathematik früh als etwas Bedrohliches. Sie fühlen sich langsamer, vergleichen sich mit anderen oder entwickeln Strategien, um Aufgaben zu vermeiden. Manche reagieren mit Rückzug, andere mit Unruhe oder Widerstand.

Diese Reaktionen sind keine Faulheit. Sie sind Ausdruck von Überforderung. Motorische Angebote können hier entlasten, weil sie Lernen aus dem reinen Denkraum herausholen und in Bewegung bringen.

Wie Motorik mathematisches Lernen unterstützt

Motorische Aktivitäten helfen Kindern, Mengen, Größen und Abfolgen körperlich zu erleben. Durch Gehen, Springen, Ordnen, Tragen oder Bauen werden Zahlenbeziehungen sichtbar und spürbar.

Raumorientierung, Rhythmus und Gleichgewicht unterstützen das Verständnis von Reihenfolgen, Abständen und Relationen. Zahlen werden nicht nur gesehen, sondern erlebt. Das entlastet das Arbeitsgedächtnis und schafft neue Zugänge zum Lernen.

Motorische Förderung kindgerecht gestalten

Entscheidend ist ein Rahmen ohne Leistungsdruck. Kinder dürfen ausprobieren, wiederholen und eigene Lösungswege finden. Bewegung wird nicht bewertet, sondern begleitet.

Motivierende, spielerische Settings helfen, die Angst vor Fehlern zu reduzieren. Wenn Kinder erleben, dass sie über Bewegung erfolgreich sein können, verändert sich oft auch ihre Haltung gegenüber Zahlen.

Was sich langfristig verändern kann

Regelmäßige motorische Förderung kann Kindern helfen, ein stabileres Zahlenverständnis zu entwickeln. Veränderungen zeigen sich nicht immer sofort in besseren Ergebnissen, sondern oft zuerst im Selbstvertrauen, in der Ausdauer und im Umgang mit mathematischen Aufgaben.

Lernen wird weniger bedrohlich, weil es sich körperlich verankert anfühlt.

Fazit: Zahlen brauchen Bewegung

Dyskalkulie bedeutet nicht, dass ein Kind kein mathematisches Denken entwickeln kann. Es bedeutet, dass der Weg dorthin ein anderer sein darf.

Motorik eröffnet diesen Weg über den Körper. Sie macht Zahlen greifbar, verständlich und erlebbar. Lernen wird nicht beschleunigt, sondern vertieft.

Manchmal beginnt Verständnis genau dort:
in der Bewegung,
im Spüren,
in dem Moment, in dem Zahlen nicht mehr nur abstrakt sind. 

Katherine Surtees - aus Krisen wachsen

Katherine Surtees

Katherine Surtees ist Expertin für mentale Gesundheit, Sporttherapie und integrative Psychotherapie. Mit einem Hintergrund in der Notfallmedizin und eigenen Erfahrungen mit gesundheitlichen Rückschlägen begleitet sie heute Jugendliche und junge Erwachsene.